Interview mit dem Autor

Du lebst seit fast 14 Jahren in Mexiko und schreibst auf Deutsch. Wie geht das?

Als ich im Herbst 2004 nach Mexiko gekommen bin, hatte ich ein paar Übersetzungsaufträge im Koffer. Damals bin ich davon ausgegangen, dass ich vielleicht zehn Jahre lang als Übersetzer arbeiten kann, weil sich mein Deutsch in einem spanischsprachigen Umfeld verflüchtigt. Aber das Gegenteil war der Fall. Als Übersetzer lebe ich im Deutschen — ich lese mehr deutschsprachige Literatur denn je, schreibe täglich ein Dutzend Seiten auf Deutsch, führe meine Selbstgespräche auf Deutsch und träume auf Deutsch. Ich habe das Gefühl, dass ich immer mehr in der deutschen Sprache zuhause bin, und dass die deutsche Sprache meine eigentliche Heimat ist.

Was bedeutet das beim Schreiben für dich?

Die deutsche Sprache ist für mich so etwas wie ein geschützter Ort, von dem aus ich beobachten kann. In meinem Buch In Mexiko arbeite ich in unserem Häuschen auf einem tapanco, einer Art Empore, von der aus ich hinunter ins Haus schaue. Diese Empore ist von unten aus nicht zugänglich, sie gehört zum Haus und irgendwie auch nicht. Sie ist ein privilegierter Ort, dort sitze ich, beobachte und schreibe. Natürlich begebe ich mich auch ins Gemenge, aber ich kann immer wieder an diesen Ort zurück und das Erlebte reflektieren. Ganz ähnlich ist die deutsche Sprache für mich.

Aber dein Thema ist Mexiko?

Ja, mein Thema ist Mexiko. Diesmal ist es Malinalco, wo wir ein Dreiviertel Jahr gelebt haben — ein faszinierendes Dorf, hier habe ich wahrscheinlich mehr über Mexiko gelernt als irgendwo sonst. Es ist ein ganz besonderer Ort, weil hier viele Fäden der mexikanischen Geschichte zusammenlaufen — hier war zum Beispiel der Tempel, in dem die Azteken ihre legendären Adlerkrieger geweiht haben. Kurz nach der Eroberung durch die Spanier haben die Augustiner hier ein Kloster bauen und sich von den Ureinwohnern einen ganz einmaligen Paradies­garten malen lassen, in dem die Malinalca ihre Glaubensvorstellungen versteckt haben. In den Jahrhunderten danach hat Malinalco eine synkretistische Kultur mit eigenen Bräuchen entwickelt, die das Leben bis heute bestimmen.

Gleichzeitig repräsentiert Malinalco auch die Konflikte zwischen Arm und Reich und zwischen Ureinwohnern und Europäern, die Mexiko seit fünfhundert Jahren zerreißen. Malinalco befand sich im Herzen der Revolution von Emiliano Zapata, der aus einem Dorf in der Nähe stammte. Kaiser Maximilian hatte seinen Land­sitz in der Nähe, und deutschen Exilschriftstellern hat das para­diesische Klima gefallen. Heute wird der Ort von der Migration in die USA geprägt.

Das alles macht Malinalco zu einem idealen Ort, um die Geschichte und Gegenwart von Mexiko zu verstehen. Darüber hinaus wirft Malinalco die Frage auf, inwieweit traditionelle Lebensformen, Magie und Fantasie in einer von Globalisierung, Materialismus und Konsum geprägten Welt überleben können.

Außerdem geht es auch um meine besondere Sicht als Fremder und Deutscher auf Mexiko – das themati­siere ich zwar nicht ausdrücklich, aber unterschwellig ist es immer präsent. Diese Außensicht ist etwas, das den Text leise unterspült, etwa in den Zitaten ausländischer Reisender, die ich den Kapiteln voranstelle, oder in intertextuellen Anspielungen auf andere Reisebücher über Mexiko.

Was fasziniert dich so an Mexiko?

Das ist schwer zu beantworten, so viel fasziniert mich an diesem Land. Manchmal glaube ich, dass ich in Mexiko viel besser verstehe, welchen Platz der Mensch in der Welt hat, in diesem sich ständig verändernden Universum. Hier ist der Untergrund ständig in Bewegung, Vulkane brechen aus, Gebirge schieben sich auf, und man spürt viel deutlicher, dass unsere Zivilisation nur mit dünnem Pinsel auf die Oberfläche des Planeten getuscht ist. Die Erdbeben im September haben uns wieder daran erinnert, aber man spürt das zum Beispiel auch daran, mit welcher Geschwindigkeit sich das Grün in der Regenzeit verlorenen Boden zurückholt, oder wie schnell Landstriche veröden, wenn der Regen ausbleibt. Die mexikanischen Ureinwohner haben das viel besser verstanden als wir, ihre Kulturen waren eine Antwort darauf. Sie mussten immer wieder ihre Städte aufgeben, weil sich das Klima verschoben hat und das Land plötzlich keine Zivilisation mehr ernähren konnte. Aber sie haben auch gewusst, dass der Mensch ein Mitschöpfer ist, zusammen mit den Göttern. Ihre Pyramiden ahmen die Berge nach, und mit ihren Gesängen und Tänzen nehmen sie am kontinuierlichen Schöpfungsakt teil. Das ist Poesie im ursprünglichen Sinne: Welterschaffung. Davon können wir viel lernen.

Gleichzeitig sind wir hier in ganz unmittelbarem Kontakt mit den Ursprüngen unserer Zivilisation. Die Tortillas, die wir jeden Tag essen, die Tamales, der Kakao — das alles wird noch fast genauso zubereitet wie vor drei-, viertausend Jahren, als die Ureinwohner den Mais gezüchtet und das Geheimnis der Zubereitung entdeckt haben. Die Frau, die uns einmal die Woche im Haushalt hilft, bringt Tortillas mit, die ihre Mutter zuhause macht; die kocht den Mais mit Kalk, formt die Tortillas mit der Hand und backt sie auf dem Comal. Den Mais pflanzen sie selber auf einem kleinen Feld hinter ihrer Hütte, mit einem Stock machen sie Löcher und legen den Mais. Das ist wie vor viertausend Jahren, nur dass sie heute den gekochten Mais nicht auf einem flachen Mörser reibt, sondern auf dem Markt mahlen lässt. Ich habe das Gefühl, in Mexiko haben wir sehr viel direktere Berührung mit unseren eigenen menschlichen Wurzeln — ganz körperlich.

Hast du schon ein neues Projekt? Wieder Mexiko?

Ja, das Thema lässt mich nicht los. Zur Zeit beschäftige ich mich intensiver mit einem deutschen Einwanderer nach Mexiko. In meinem neuen Buch haben zwei deutschsprachige Einwanderer einen kleinen Gastauftritt — Kaiser Maximilian und der deutsche Schriftsteller Gustav Regler —, aber darüber gibt es noch viel mehr zu schreiben. Aber mehr will ich gar nicht verraten.

Nochmal zurück zur Sprache: Warum schreibst du dein Buch nicht auf Spanisch oder Englisch? Damit würdest du doch ein viel größeres Publikum erreichen! Und für Mexikaner wäre das sicher auch interessant, ihr Land durch die Augen eines Deutschen zu sehen.

Das stimmt natürlich, auch wenn es in dem Buch nicht nur um Mexiko geht. Aber auf Spanisch hätte ich dieses Buch gar nicht schreiben können, denn die einmalige Sicht der deutschen Sprache ist fester Bestandteil des Buchs. Ich will diese Sicht des Fremden gar nicht leugnen – es ist das Staunen über das Andere, das den Blick zurücklenkt auf das Selbst. Und dazu brauche ich die Empore, auf die ich immer wieder zurück kann. Ich bin zwar Übersetzer, aber diese Übersetzung muss leider jemand anders übernehmen…

Die Fragen stellte María De Villa.
.
Folgt mir auf FB und lasst euch über neue Artikel in diesem Blog informieren:
Unbenannt

——————— ———————

In_MexikoJürgen Neubauer
In Mexiko
Reise in ein magisches Land
Taschenbuch, 336 Seiten: 15,- Euro
E-Book: 5,99 Euro (bis Ende Januar, dann 9,99)

Vom Leben in der Riesenstadt geschafft, ziehen der Erzähler und seine mexikanische Frau aufs Land — in ein Dorf zwischen den Vulkanen des mexi­kanischen Hochlands. Dort tauchen sie in ein unbekanntes und faszinierendes Mexiko ein: Sie begegnen Schamanen, Scharlatanen, Heilern und Wetter­machern und bekommen es mit Drogen­händlern, Wahl­betrügern, arroganten Städtern und Großgrundbesitzern zu tun. Die Reise gipfelt in einem zügellosen Karneval, bei dem Magie und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, Arm und Reich aufeinanderprallen.
Ein literarischer Reisebericht, der in die Tiefe Mexikos entführt, und ein unterhaltsames Porträt des Landes und seiner Menschen.

Erhältlich in jedem Buchladen. Im Internet unter anderem hier:

TWENTYSIX-Shop-Logo-blau
index
buch-logo
images
90df96226ab48c-1501154085024

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s