Der Mythos der Malinalca

Wenn man den alten Mythen glaubt, dann sind die Malinalca die Vettern der Mexica (besser bekannt als die Azteken) und kamen mit ihnen aus einem mythischen Ort namens Chicomóztoc, dem Ort der sieben Höhlen, irgendwo weit im Norden. So erzählen es zumindest die Mythen der Mexica, wie sie zum Beispiel in einer prähispanischen Bilderhandschrift namens Kodex Boturini aufgezeichnet sind. Diese Handschrift — ein Leporello von 5,50 Meter Länge und 20 Zentimeter Höhe aus Feigenholzpapier — erzählt, wie die Mexica und ihre Verwandten von ihrem Anführer und Stammesgott Huitzilopochtli in eine neue Heimat im Zentrum von Mexiko geführt werden.

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Das obige Bild zeigt die erste Seite des Kodex; der Priester der Mexica verlässt die Insel Aztlan, auf der die Mexica lebten, im Kanu; in der Höhle rechts im Bild sitzt Huitzilopochtli, der blaue Kolibri (dargestellt als Gesicht, das aus einem Kolibrikopf schaut), und gibt Anweisungen in Form von kleinen Sprechblasen. Das Quadrat in der Mitte zeigt das Jahr 1 Messer.

Auswahl_077Auf der nächsten Seite warten acht benachbarte Stämme (in anderen Handschriften ist nur von sieben die Rede); die Malinalca, erkennbar am Symbol des Grasbüschels, sind die vierten von oben. Sie schließen sich dem Zug der Mexica an, vorneweg geht ein gewisser Tezcacoatl (Spiegelschlange) mit Huitzilopochtli in einem heiligen Bündel auf dem Rücken.

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Die Geschichte wird in einer ganzen Reihe von Dokumenten erzählt, und jede Fassung ist ein wenig anders. Im Kodex Boturini trennen sich die Malinalca schon bald von den Mexica. Bild 3 zeigt, wie die Stämme unter einer Zeder eine erste Siedlung gründen. Eines Abends sitzen sie zusammen, um tamales zu essen; neben dem Korb mit den Maisküchlein ist ein Mörser zu sehen, in dem sich eine Soße befinden könnte. Plötzlich bricht mit lautem Krachen der Baum — für Huitzilopochtli das Zeichen, dass sich die Mexica nun von den Malinalca und den anderen Stämmen trennen müssen. Der Abschied ist tränenreich, und der Weg der Malinalca verliert sich im Dunkel.

Der Dominikanermönch Diego Duran (ca. 1537 – 1588), dessen Variante ich im Buch nacherzähle, stellt die Wanderung der Malinalca in seinem Buch Historia de las Indias de Nueva España (ca. 1580) ausführlicher dar. Er schmückt die Trennung der Malinalca von den Mexica weiter aus und erzählt die Geschichte von Huitzilopochtlis missgünstiger Schwester Malinalxochitl und ihrem Sohn Copil. Es ist nicht ganz klar, woher er seine Geschichte hat — er selbst behauptet, er habe eine Chronik der Mexica übersetzt, doch wenn es diese je gab, dann ist sie inzwischen verschollen. Außerdem hat er einheimische Informanten befragt, doch es ist auch nicht vollkommen undenkbar, dass der Pater selbst ein wenig dichtend nachgeholfen hat.

Beide Dokumente sind so faszinierend wie die Geschichten, die sie erzählen. Der Kodex Boturini wird heute im Anthropologischen Museum von Mexiko-Stadt ausgestellt, aber wenn Sie einen Blick auf die einmaligen Zeichnungen werfen wollen, können Sie das auch →hier tun. Und wenn Sie Fray Diego Durans Geschichten selbst nachlesen möchten, finden Sie seine Historia de las Indias de Nueva España in der →spanischen Ausgabe und einer →englischen Übersetzung.

Ein Kommentar

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