Die Teufelchen von Malinalco

Vor etwa zehntausend Jahren kamen von hier oben die ersten Menschen ins Tal. Erst jagten sie, später bauten sie Hütten, pflanzten Mais, Bohnen, Tomaten, Kürbisse und Chilischoten und pflückten Avocados, Mangos und Papayas. Immer neue Stämme kamen über die Vulkane, errichteten ihre Tempel und verehrten die blühende Natur.

Niemand weiß, wann genau der erste Mensch seinen Fuß in das Tal von Malinalco gesetzt hat. Am Ufer des nahen Sees von Texcoco im Tal von Mexiko müssen schon vor 23.000 Jahren die ersten Menschen gelebt haben, und es kann gut sein, dass wenig später einzelne Gruppen auch durch das fruchtbare Tal von Malinalco streiften. Genaues weiß man nicht, die ersten Menschen hinterließen kaum Spuren, und auf ihre Ankunft kann man vor allem durch das Verschwinden anderer schließen, sprich das rasche Aussterben der Megafauna Mittelamerikas vor rund 12.000 Jahren. Zu den wenigen menschlichen Zeugnissen der Zeit gehören die Speerspitzen, mit denen die Menschen Mastodonten, Kamele, Pferde, Säbelzahntiger, Löwen, Bären, Riesenfaultiere, Riesengürteltiere und andere Großsäuger jagten, und die Reste von Feuerstellen, über denen sie sie brieten. Erst nach deren Aussterben sind menschliche Spuren in größerer Zahl erhalten, denn erst als diese Tiere ausgerottet waren, wurde Kultur nötig — Kultur ist nichts als die Antwort des Menschen auf den von ihm selbst verursachten Mangel in der Natur.

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Die ältesten Funde aus dem Tal von Malinalco sind etwa 5000 Jahre alt. In einer Höhle im Süden des Tals wurden vier Gräber aus dieser Zeit entdeckt, außerdem die Felszeichnung eines tanzenden Schamanen (oben), Bruchstücke von Werkzeugen aus Vulkanglas, sowie Mörser, die zum Mahlen von Gräsern und Mais verwendet worden sein könnten. Wobei es den Mais in seiner heutigen Form zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab: Die Ureinwohner hatten zwar schon Jahrtausende zuvor mit der Zucht der Maispflanze begonnen, doch die aus dieser Zeit gefundenen Kolben waren erst wenige Zentimeter lang; es sollten noch einmal anderthalb Jahrtausende vergehen, bis der Mais seine heutige Größe erreichte und Hochkulturen ernähren konnte. (Mehr dazu kommende Woche.)

Diese ersten Bewohner das Tals haben vermutlich auch die anderen Felszeichnungen hinterlassen, die im gesamten Tal gefunden wurden, zum Beispiel die diablitos, die Teufelchen, in einer Schlucht im Llano oder die in eine Felswand hinter dem heutigen Friedhof gekratzten Gesichter.

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Gesichter

Vor 3000 Jahren, vielleicht auch schon früher, gab es dann feste bäuerliche Siedlungen in Malinalco. Nun ernährten sich die Malinalca überwiegend von Ackerfrüchten wie Mais, Chia und Amaranto, sie gruben Bewässerungssysteme, bauten Holzhütten und töpferten Kochgeschirr und Vorratstöpfe. Die Keramik der Malinalca lässt darauf schließen, dass sie stets in engem Austausch mit den großen Hochkulturen Mexikos lebten, erst mit den Olmeken der Golfküste, dann mit der ersten mesoamerikanischen Metropole Teotihuacán im Hochland. Das kleine Malinalco war immer Teil des großen kulturellen Netzwerks, das ganz Mesoamerika umspannte.

Dann kamen die Spanier wie eine neue Feuerwalze über das Tal und brannten den Garten Eden nieder. Viele Menschenalter lang verirrten sich nur noch Mönche und Söldner hierher. Bis vor wenigen Jahren die Landstraße gebaut wurde. Auf der rollten Millionäre, Aussteiger, Künstler und Wochenendausflügler hinunter nach Malinalco – und nun auch wir.

 

Quellen:
Rubén Nieto Hernández, Yoko Segiura Yamamoto und Ricardo Jaramillo Lugue: „Panorámica Arqueológica del Valle de Malinalco“. In: Malinalco y sus contornos a través de los tiempos. Hrg. v. Xavier Noguez. Toluca: Universidad Autónoma del Estado de México, 2006, S. 35-44.
Tim Flannery: Auf Gedeih und Verderb: Die Erde und wir: Geschichte und Zukunft einer besonderen Beziehung. Frankfurt: Fischer, 2012.