Licht!

Der 2. Februar — Día de la Candelaria oder Lichtmess — ist ein volkstümlicher Feiertag, mit dem die Weihnachtszeit endet. Es ist der Tag, an dem Jesus in den Tempel eingeführt wird, und natürlich wird er auch in Malinalco begangen. Ein kurzer Text, der es nicht ins Buch geschafft hat.

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»Wie, ihr habt keinen Niño?« fragt die Frau mit der blumenbestickten Bluse und sieht uns fassungslos an.

Sie steht hinter einem Tisch, auf dem Reihen von großen und kleinen Jesusfiguren auf Sperrholzstühlchen thronen. Jede trägt ein eigenes Kostüm, eine ist als Arzt gekleidet, eine andere trägt ein Taufkleidchen, wieder eine andere eine Bischofsrobe. Daneben steht ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift SE VISTEN NIÑOS DIOS — hier werden Jesuskinder eingekleidet. Hinter uns strömen Grüppchen von Frauen mit ähnlich gekleideten Jesusfiguren auf dem Arm durch das Portal in die Kirche, andere kommen heraus.

»Nein«, wiederholt Lulú plötzlich verunsichert. Wir waren doch nur gekommen, um Tamales zu kaufen, die man am 2. Februar isst. Und jetzt das…

Die Frau gewinnt die Fassung zuerst wieder. »Dann braucht ihr einen!« Flink läuft sie um den Stand herum und hält Lulú eine Jesusfigur in grünem Gewand unter die Nase. »Wie wäre es mit einem Gärtner?“ fragt sie. »Oder ein Schäfer? Hier habe ich einen Mariachi…«

Lulú sieht mich hilflos an. Wir werden doch jetzt nicht…? Was sollen wir denn…? Unverhofft kommt Hilfe von einer kräftigen älteren Dame, die neben uns steht.

»Aber den Niño kann man doch nicht kaufen, Tere!« rügt sie. Sie wendet sich uns zu. »Der Niño muss zu dir kommen. Sonst hilft er dir nicht. Das weißt du doch, Tere!«

Sie wendet sich der Frau mit der bunten Bluse zu, und wir nutzen die Gelegenheit, und schieben uns davon.

tamales

Während wir abends im Patio unsere Tamales essen und Kakao dazu trinken, klärt Arcadio uns auf. An Lichtmess wird der Niño eingekleidet, aufgesetzt und zur Segnung in die Kirche gebracht. Den Rest des Jahres sitzt er dann auf seinem Stühlchen und beschützt die Familie. Und Anfang Dezember wird er wieder in die Krippe gelegt.

»Der Nino ist sowas wie der Hausgötze«, erklärt uns Meli, einmal mehr unsere Übersetzerin. »Wie bei den alten Mexica. Die Figur selbst ist heilig und wird mit Blumenopfern verehrt. Deswegen muss er dich finden, das heißt, du musst ihn geschenkt bekommen.«

»Und du hast auch einen?«, frage ich Meli.

Sie nickt in Richtung einer dunklen Ecke des Patio, in der eine Jesusfigur auf einem Thron sitzt, davor eine Vase mit einem üppigen Rosenstrauß.

Ich sehe Lulú an. »Hast du das alles gewusst?«

Sie zuckt nur die Schultern.

»Es gibt viele Mexikos«, meint sie dann. »Und keines kennt das andere.«.

Ein Kommentar

  1. Netter Text! 🙂 „Es gibt viele Mexikos.“ Wie wahr.

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