Wahltag

In Mexiko gehöre Wahlbetrug schon zur Folklore, hört man oft. Ich habe mich immer gefragt, wie das funktioniert, und in Malinalco viel gelernt.

Vor den Bürgermeisterwahlen in Malinalco fragte der Kandidat der Linken Lulú, ob sie sein Team nicht als Anwältin unterstützen wollte. Er könne ihr zwar nichts bezahlen, aber er könne ihr einen Posten anbieten, für den Fall, dass er gewinnen sollte. Lulú winkte ab: »Ich bin doch nicht lebensmüde. Außerdem hat der sowieso keine Chance. Die PRI« die ehemalige Staatspartei, die den Bundesstaat regiert und inzwischen auch wieder den Präsidenten stellt »lässt den nie gewinnen.«

Lulú hätte die Partei gegenüber der Wahlbehörde vertreten, was an und für sich recht harmlos klingt. Vor allem hätte sie beobachten sollen, dass im Wahlkampf und am Wahltag selbst alles mit rechten Dingen zugeht. Aber da in Mexiko der Wahlbetrug schon zur Folklore gehört, ist das ein heikler Job.

»Am Wahltag gibt es immer Schießereien und Tote«, meinte sie. »Und auf die Anwälte und Beobachter haben sie es besonders abgesehen, weil die ihre Nase in die Angelegenheiten der Parteien stecken.«

Eine dieser Angelegenheiten ist der Stimmenkauf. Ich habe mich oft gefragt, wie das eigentlich funktionieren soll: Jemand gibt mir Geld dafür, dass ich mein Kreuzchen an einer bestimmten Stelle mache? Das Geld würde ich sofort einstecken, denn in der Kabine bin ich doch mit meinem Gewissen allein und kann stimmen für wen ich will, oder? Lulú kann über so viel Naivität nur schmunzeln.

»Die sorgen schon dafür, dass du das Kreuz an der richtigen Stelle machst. Das ist eine gewaltige Operation. Die Wähler werden schon lange vor der Wahl auf Wahlveranstaltungen mit Versprechungen geködert. Am Wahltag werden sie dann ein paar Ecken vor dem Wahllokal abgefangen und in ein ’sicheres Haus‘ geführt. Dort bekommen sie ein Handy, mit dem sie in der Wahlkabine eine Aufnahme von ihrem Stimmzettel machen, ehe sie ihn in den Umschlag stecken. Auf dem Rückweg geben sie das Handy ab und bekommen je nach Tarif zwischen 500 und 1000 Pesos, einen Gutschein für einen Supermarkt oder das Versprechen, dass sie nach der Wahl einen festen Fußboden bekommen.«

Die Sache mit dem Handy klingt bombensicher, aber sie hat sich inzwischen auch bis zur Wahlaufsicht herumgesprochen. Deshalb dürfen die Wähler in vielen Bundesstaaten keine Handys mehr mit in die Kabine nehmen. Das lässt sich zwar kaum überprüfen, doch die Parteien gehen kein Risiko ein.

»Dafür haben sie noch den viel älteren Trick mit dem Karussell«, erklärte mir Lulú. »Ein paar Parteimitglieder gehen gleich frühmorgens wählen. Sie geben aber keinen ausgefüllten Stimmzettel ab, sondern einen gefälschten oder einfach ein leeres Blatt Papier. Den echten Stimmzettel stecken sie in die Tasche und gehen damit in ein ’sicheres Haus‘ in der Nähe des Wahllokals. Willige Wähler werden in das Versteck gelotst und bekommen dort Stimmzettel, auf denen das Kreuzchen schon an der richtigen Stelle gemacht wurde. In der Kabine stecken sie den präparierten Stimmzettel in den Umschlag und den leeren, den sie eben bekommen haben, stecken sie in die Tasche. Wenn sie zum Versteck zurückkommen, geben sie den leeren Zettel dort ab und kassieren ihre Belohnung. So geht das den ganzen Tag über.«1

Eine weitere beliebte Methode des Stimmenkaufs sieht so aus: Frühmorgens machen Parteimitglieder im Ort die Runde und leihen sich gegen 500 Pesos Wahlausweise aus. Dann gehen sie ins Wahllokal und stimmen für deren Besitzer ab; die Vertreter der Wahlbehörde spielen gegen ein kleines Handgeld mit, wenn sie nicht sowieso dem Verein angehören.

Die unabhängigen Wahlbeobachter, die sich in den Wahllokalen den Hintern plattsitzen und am Ende die Auszählung überwachen, sind hochzufrieden, denn offenbar verläuft alles reibungslos. Die Beobachter der anderen Parteien wissen natürlich, was gespielt wird; sie schleichen durch die Gassen rund um das Wahllokal und alarmieren die Polizei, wenn sie irgendwo verdächtige Aktivitäten ausmachen. Die Betrüger halten wiederum Ausschau nach möglichen Spähern, um diese wenn nötig auszuschalten. Und wenn der Ort fest in der Hand einer Partei ist, hilft die Polizei kräftig mit.

Drohungen können genauso wirksam sein wie Geld. Viele Mitarbeiter von staatlichen Behörden haben Angst, ihre Stelle zu verlieren, wenn sie nicht für eine bestimmte Partei stimmen. Einfache Menschen lassen sich leicht mit der Behauptung einschüchtern, man wisse genau, für wen sie stimmten die PRI gilt bei vielen als allmächtig und eine Menge Menschen fürchten, dass ihr Wahlgeheimnis nichts wert ist.

Mit Stimmenkauf und Drohungen ist das Repertoire der Wahlfälscher natürlich noch lange nicht erschöpft. Die Parteien erfinden falsche Wahlbezirke und lassen Tote wählen, sie lassen Urnen aus unliebsamen Bezirken auf dem Weg zum Wahlzentrum verschwinden, machen sie durch Manipulation der Siegel ungültig, »schwängern« sie mit gefälschten Stimmzetteln oder fälschen bei der Ermittlung des amtlichen Endergebnisses dreist die von den Wahllokalen übermittelten Ergebnisse. Wenn sie Gefahr laufen, einen Bezirk zu verlieren, schlüpfen sie in die Hemden der gegnerischen Partei und provozieren Zwischenfälle in den fraglichen Wahllokalen, um die Urnen offiziell annullieren zu lassen. Die Staatspartei PRI hatte in den sieben Jahrzehnten ihrer Herrschaft reichlich Zeit, ihre Methoden zu entwickeln und zu verfeinern, und die anderen Parteien haben sich inzwischen das eine oder andere abgeschaut.

Anders als in anderen Orten des Bundesstaats verlief die Wahl in Malinalco ruhig. Es kam vereinzelt zu Handgreiflichkeiten, einige Beobachter wurden bedroht, andere fanden den Weg in abgelegene Ortsteile nicht alles nicht der Rede wert. Wie zu erwarten gewann der Kandidat der ehemaligen Staatspartei PRI, genau wie in fast allen anderen Städten und Gemeinden des Bundesstaates Mexiko. Es war ein Triumph für den amtierenden Gouverneur, einen gewissen Enrique Peña Nieto, der mit diesem fast schon sowjetischen Sieg unter Beweis stellte, dass er eine Wahl gewinnen konnte und schon seine Infrastruktur für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 2012 schuf.

In Malinalco legte die Kandidatin der christlich-konservativen Partei PAN Protest gegen das Ergebnis ein und warf der PRI Betrug vor. Einige Tage lang hielten Demonstranten den Dorfplatz besetzt und forderten lautstark eine Annullierung der Wahl. Die Wahlbehörde wies alle Anschuldigungen der PAN zurück. Am Mittwoch nach der Wahl, dem Markttag, tauchten übrigens massenhaft gefälschte 500 Peso-Noten auf. Wie sagt das mexikanische Sprichwort: Si no tranzas no avanzas wer nicht bescheißt, kommt nicht voran.

1Alternativ stehlen Parteien die Stimmzettel oder drucken sie gleich selbst und verteilen sie mit dem Kreuz an der richtigen Stelle an ihre Wähler. So wurde zum Beispiel 2016 vor den Gouverneurswahlen von Colima ein Lieferwagen mit 100.000 gefälschten Stimmzetteln sichergestellt, überwiegend mit Stimmen für die PAN. Aber wer weiß? Vielleicht war das auch nur eine Finte — wer ist schon so dumm und lässt sich erwischen?

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In_MexikoJürgen Neubauer
In Mexiko
Reise in ein magisches Land
Taschenbuch, 336 Seiten: 15,- Euro
E-Book: 9,99 Euro

Vom Leben in der Riesenmetropole Mexiko-Stadt geschafft, ziehen der Erzähler und seine Frau aufs Land — in ein Dorf zwischen den Vulkanen des mexi­kanischen Hochlands. Dort tauchen sie in ein unbekanntes und faszinierendes Mexiko ein: Sie begegnen Schamanen, Scharlatanen, Heilern und Wetter­machern und bekommen es mit Drogen­händlern, Wahl­betrügern, arroganten Städtern und Großgrundbesitzern zu tun. Die Reise gipfelt in einer wilden Fiesta, bei der Magie und Moderne, Traum und Wirklichkeit, Arm und Reich aufeinanderprallen.
Ein literarischer Reisebericht, der in die Tiefe Mexikos entführt, und ein unterhaltsames Porträt des Landes und seiner Menschen.

Erhältlich in jedem Buchladen. Im Internet unter anderem hier:

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